Des Pudels Kern
Mai 10th, 2010“Mit wem redest du eigentlich, wenn es dir mal nicht so gut geht?” fragt A. Ich weiß keine Antwort, außer vielleicht, dass es mir genau deshalb nie richtig schlecht geht.
“Mit wem redest du eigentlich, wenn es dir mal nicht so gut geht?” fragt A. Ich weiß keine Antwort, außer vielleicht, dass es mir genau deshalb nie richtig schlecht geht.
Onlineshops, in denen ich innerhalb der letzten 48 Stunden etwas bestellt habe: Dildoking (Spielzeug und so, habe A. vorher gefragt), Der gepflegte Mann (Komplette Creme-, Dusch-, Seifen- und Deoserie aus Griechenland, Gott, ich liebe dieses Zeug) und Planet Sports (Endlich sind die Asics in meiner Größe lieferbar). Eine Bestellung bestehend aus französischen Olivenölkosmetik und ein neuer AKG-Kopfhörer erfolgt spätestens beim nächsten Geldregen.
Der gut riechende, sexuell nicht frustrierte Mann, der diesen Sommer erstmal mehr als drei Paar gut aussehende Sneaker im Schuhschrank hat: Das bin ich. Ich kann dir nur leider keinen Drink ausgeben, bin zur Zeit Pleite.
Hinter mir ruft eine feucht-fröhliche Vierzigjährige “Köln ist auch schon hier!”, vor mir ziehen sich Frauen und Männer fast bis auf die Unterwäsche aus. 18- bis 25jährige kommen heute kostenlos in den Club, A. hatte mich auf die Idee gebracht. Wir suchen uns einen gemütlichen Platz auf einer mit rotem Leder bespannten Matratze und beobachten die Bondage-Show um Mitternacht.
Sie bittet mich, einen Blick in die Runde zu werfen, vielleicht schon jemanden auszusuchen, mit der ich nach oben gehen würde, denn die Empore ist nur für Paare reserviert. Ich bin weiterhin ordentlich schockiert und kann mich kaum regen, treffen sich hier gerade wirklich über Hundert Paare um zu Techno zu tanzen und währenddessen Sex zu haben? Erst einmal möchte ich nur mit ihr nach oben. Wir stehen am Geländer, beobachten abwechselnd die tanzende Menge und die vögelnden Massen hinter uns. Der Anteil Menschen unter Dreißig hält sich trotz Partymotto in Grenzen, weniger faszinierend wird es dadurch trotzdem nicht. Neben uns macht sich ein Pärchen im Schulmädchen- und Indielook aneinander zu schaffen, wir sind beide gleichermaßen interessiert.
Vorerst möchte ich mich nur um A. kümmern. Erst am Geländer der Empore, später etwas abgeschiedener hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang. Als irgendwann ein Klischeepärchen (er tätowiert und muskulös, sie mit dezimeterlangen Fingernägeln und blondiertem Haar) sich neben uns zu schaffen macht fängt A. an zu lachen und wir brechen ab. Etwas beschämt bemerke ich nach einem Bier, dass mehr als drei Stunden vergangen sind, die Tanzfläche nahezu leergefegt ist.
Wir starten trotzdem noch einen zweiten Anlauf auf der Empore, als wir uns einen Platz suchen begleiten mich die Augen des Schulmädchens. Ich hätte hingehen sollen, das sagt auch A., aber ich kann es nicht. Nachhaltige Persönlichkeitskomplexe, kein Gesprächsthema, nichts, woran ich bei meinem ersten Swingerclubbesuch arbeiten möchte. Ein halbe Stunde später fasst mir eine Mitarbeiterin des Clubs sanft auf den Oberschenkel und sagt, sie möchten jetzt langsam Schluss machen. Fast als letzte verlassen wir den Club, draußen ist es noch nicht hell.
Ich bin aufgewühlt, sie müde. Nur wiederwillig werfe ich den Plan, jetzt noch im Berghain bis zur Entspannung zu tanzen, über den Haufen und schlafe nach ihrem Wunsch neben ihr ein.
Morgens die letzten Reste Speed aus der Nase popeln ist nicht das angenehmste, erinnert aber charmant an die vergangene Clubnacht. Der Mitbewohner hatte Geburtstag, die Lines waren viel zu lang und verdammt, ich hatte doch gestern noch hundert Euro abgehoben. Der Freundin vom anderen Mitbewohner hat sich endlich von ihm getrennt, endlich und pünktlich zum Umzug. Vorbereitet ist noch nichts, aber die Vorfreude groß und das Kapital dank Gas-Rückzahlung riesig. Wer hätte gedacht, dass ich mir in meinem Leben noch mal ein Loft leisten kann.
Neben all dem Quatsch muss sich eine Frau gerade damit herumschlagen, dass ich ein emotionaler Krüppel bin. Stundenlang haben wir darüber diskutiert, warum ich mich nicht fallen lassen kann, wir wissen es nicht und es mag uns auch nicht einfallen. Ich öffne beim Knutschen die Augen, betrachte mein Gegenüber lieber genau statt mich ganz der Tätigkeit hinzugeben. Spätestens beim Sex achte ich überhaupt nicht mehr darauf, was ich eigentlich will. Wie soll man es jemandem recht machen, der nicht weiß, was er will? Ich wünschte, das Problem könnte ich ihr abnehmen.
In dem Drum’n'Bass-Schuppen schien sie allein, kam gegen drei Uhr und tanzte, rauchte, ohne zu trinken. Ich tingelte immer wieder um sie herum – ohne nennenswerten Kontakt. In Clubs würde ich mich niemals trauen, jemanden anzusprechen – erstens, weil mir stets ein nennenswertes Einstiegsthema fehlt und zweitens, weil ich sowieso im Club nie ein Wort verstehe. Gegen fünf verlasse ich den Schuppen, sage I. noch im Scherz bescheid, er soll mir die Nummer von ihr besorgen.
Fünf Minuten später sitze ich in der falschen S-Bahn und bekomme eine SMS mit ihrer Handynummer. Nach zwei Tagen, die sich nur um ihr wehendes, rotes Haar, ihre zarte Figur und die Sommersprossen im Gesicht drehten, beschließe ich, dass es nichts zu verlieren gibt und schreibe ihr. Sie findet es mutig, trifft sich mit mir im Park, in dem wir einen Nachmittag verbringen und über unwichtige Themen reden. Zum Schluss hält sie meine Hand, würde sich freuen, mich wieder zu sehen. Als ich fünf Minuten später zuhause bin kommt der selbe Text noch einmal per Kurznachricht. Entweder sie hat einen Knall oder mag mich tatsächlich. Darüber bin ich mir weiterhin nicht sicher.
Sie war unambitioniert und irgendwie müde, ich setzte mich ihr in der Kneipe gegenüber, weil mir der Holzstuhl neben ihr zu schäbig war und ich einen gepolsterten Sessel haben wollte. Mit jedem Gesprächsthema lief ich gegen die Wand, am Ende unterhielten wir uns über Drogen. Ich merkte, dass sie das Thema schon mehrmals mit anderen durchgekaut hatte und bei mir eigentlich nur Jugendbildung betrieb.
Als sie zu mir mitkam war klar, wie der Abend verlaufen wird. Sie ist die hübscheste Frau, die jemals in meinem Bett lag. Der Sex war der schlechteste, den ich bisher hatte. Ohne Spontanität und nach dem ersten Durchlauf vorbei, ob sie gekommen ist bezweifle ich. Wir liegen Seit and Seit, sie sagt, sie genießt es verwöhnt zu werden und ist müde. Am nächsten Morgen verabschiedet sie sich von mir wieder liebevoll, hält meine Hand, sagt, wir müssen uns wieder treffen. Ich wäre mir da nicht so sicher.
Die hübscheste Frau, der schlechteste Sex. Simple Logik bricht zusammen.
Der Freundin erzählt, dass ich Frauen nachts nicht in die Augen sehe. Bewusst meinen Blick auf den Boden oder meterweit weg lenke, wenn sie auf mich zukommen. Laufe ich hinter ihnen, versuche ich sie entweder zu überholen, absichtlich zu warten um etwas Abstand zu bekommen oder langsamer zu werden. Bin ich in einem Park nehme ich schon mal eine andere Route, sind es fünf Frauen sind mir dieser ganze Affentanz auch zu albern.
A. meint, das sei gut. Ich würde die Zustände anerkennen, an denen ich momentan nichts ändern kann und es Frauen nicht schwer machen als ohnehin. Ich finde es pervers, weil die Welt doch nicht so böse sein kann, dass ich als Zwanzigjähriger mit schwarzem Trenchcoat bei schlechten Lichtverhältnissen und Blickkontakt als Vergewaltiger gelten könnte. (Oder?)
Eine Feministin als Freundin zu haben ist anstrengend wie lehrreich. Meistens überwiegt das eine.
Als sie kommt hängen ihr die Rastalocken fast bis zur Hüfte. Es ist die gute alte Tradition, bei der sich verflossene Liebschaften meinerseits nach dem Bruch eine potthässliche Frisur zulegen. Ich lasse sie herein, wir trinken importiertes Kölsch, sie erzählt mir von dem Abend, an dem sie sich abschießen wollte, weil Stress mit ihrem Freund ins Haus stand. Das Opfer war damals ich.
Plötzlich wird mir klar, warum sie den kleinen nächtlichen Wutanfall im Bett hatte und sich monatelang nicht meldete. Nach der Erkenntnis ist es nur noch belangloser Smalltalk. Sie nimmt entweder den Bus oder möchte von mir nach Hause gebracht werden, ich tue ihr den Gefallen. Das erste Mal nach zehn gemeinsamen Abenden erfahre ich ihren Nachnamen, weiß, wo sie wohnt und sehe ihr Zimmer. Lieblose Einrichtung, die sie bis auf die Bücherregale komplett dem Sperrmüll zuführen wird, wenn sie im Sommer zum Studieren nach Göttigen zieht.
Ich wünsche ihr viel Glück und überlege am nächsten Tag, ob ich ihr eine SMS schreiben sollte, nur um zu betonen, dass der Wunsch von Herzen kam.
Pantoffelhelden liegen um vierundzwanzig Uhr im Bett, Tigerbalsam großräumig auf der Brust verteilt. Das Hesse-Buch bereits zugeklappt, den Wecker auf optimistische Zeit gestellt.
Seit der Mitbewohner in Krakau ist verläuft es oft so. Als Sonntag um Mitternacht das Handy vibriert überlege ich noch, ob die Nachricht es wert ist, aus dieser bequemen Position herauskommen. Kurz darauf chatte ich mit A., die sich wundert, ob ich noch online bin. Sie schrieb mich vor zwei Tagen online an, wir hatten zwei, drei Nachrichten gewechselt. Jetzt hat sie Diskussionsbedarf und ich Langeweile. Irgendwann wechselt das Gespräch vom Telefon auf den Computer, von politischen Themen zu Kleidungsbeschreibung. Die Idee, sich spontan am Hackeschen Markt zu treffen wird wegen des Nachtverkehrs verworfen, sie fragt, ob ich zu ihr kommen möchte.
Ich stelle mir bereits die drei russische Typen vor, die mich gleich zur Zwangsarbeit in kalte Gebiete dieser Welt verschleppen werden, mache mich aber trotzdem fertig und lege Comme des Garcons auf. Mit dem Fahrrad fahre ich nach Neukölln, wo sie mich im zweiten Stock mit Balkon zum seelenruhigen Friedhof empfängt. Wir reden ermüdende zwei Stunden über weltverändernde Politik bis sie fragt, ob Körperkontakt okay ist und sich auf meinen Schoß legt. Wir landen im Bett, wo meine Fingernägel mit Genuss über ihre Haut fahren und sich tiefer hineindrücken, bis sie den Schmerz spürt. Als wir nach Sonnenaufgang schlafen gehen weiß sie von der Abtreibung, hat meine Panik um platzende Kondome miterlebt, ist drei mal gekommen. Für mich sind Euphorie und Angst zusammen kein Treibmittel, wenn es um Sex geht.
Wird schon, wird schön. Mit noch mehr Schulden auf dem Konto, mit Pannen, mit Dreien auf dem Zeugnis, auf dem eigentlich nur Einsen stehen sollten. Vielleicht lese ich endlich mal wieder mehr Bücher, vielleicht nehme ich auch einfach nur mehr Drogen. Die richtige Frau, tausend falsche. Vielleicht mal eine Rothaarige.
Hate the game, not the player. Zweitausendzehn.