“Lass uns spazieren gehen!” sagt der Mitbewohner und wenig später sind wir uns bereits einig, dass wir die Die Fetten Jahre sind vorbei-Tour fahren werden: Wein mit Screwtop aus der Flasche und dann Rooftop irgendwo in Berlin. Noch schnell bei Nil am Schlesischen Tor vorbei, Halloumi zur Wegstärkung und dann vom Görlitzer Bahnhof aus über die Warschauer Straße zum Ostkreuz gelaufen – solche langen Strecken schaffe ich sonst in drei Wochen nicht.
Zwischen Warschauer und Kreuzberg setzen wir uns an einer gut bekannten Brücke auf eine Art Vorsprung vor einer Plakatwand, im Hintergrund Hedonisten nahe des Rewe-Martks mit guter elektronischer Musik. Fast stundenlang erzählen wir uns Frauengeschichten, sind besoffen und brutal ehrlich zueinander. Er erzählt mir alles, was in seiner alten Heimatstadt mit L. gegangen ist, was er sich heute bei V. ausmalt, ich ihm die ganze, viele Jahre andauernde, aber nie zielführende Geschichte um S.. Dass ich noch nie Sex hatte erwähnte ich nicht, als mir die Frauengeschichten ausgingen muss es ihm aber klar geworden sein. Irgendwann ist mein Wein leer, wir ziehen weiter.
Ostkreuz bis Sonnenalle in der S-Bahn, dann bis Neukölln weiter zu Fuß. Ich lasse meine zweite Weinflasche fallen, Alkohol macht mich kraft- und willenlos. Zwischendurch riesige Mengen an Typen die uns doof anmachen, mit denen man sich dann wieder verbrüdert, über die man sich ärgert, denen der Mitbewohner Zigaretten ausgibt. Die Diskussion, ob es sich lohnen würde, eine Waffe dabei zu haben. Mein alkoholgetränkter Versuch, ihm klarzumachen, dass Waffen sinnlos sind.
Zurück in Kreuzberg springe ich gegen jede Haustür, um irgendwo aufs Dach zu kommen. Schnell haben wir Glück und legen uns in der Sommernacht ein wenig hin – wenn mein Bier nicht leer gewesen wäre hätte der Mitbewohner durchaus dort oben schlafen können. Bei mir überwiegt die Angst, herunter zu fallen. Die letzten Meter vor der Heimat springe ich aus Leichtsinn gegen jede Haustür, nur um dann von Zivilbullen in einem grauen Astra angehalten zu werden. “Lasst die Scheiße, Jungs!” Ja, ja. Nein.

Am nächsten Morgen liege ich noch eine Stunde im Bett, denke an schöne Frauen, will aufstehen und bekomme einen Schock. Ich weiß nichts mehr, nur noch, dass ich S. anrufen wollte, um ihr am Abend darauf meine Liebe erneut zu gestehen. (Habe ich natürlich nicht getan. Ideen die einem in betrunkenem Zustand kommen sind nie die besten, meistens aber die schönsten.)