Archive for März, 2010

Trenchcoat

Sonntag, März 21st, 2010

Der Freundin erzählt, dass ich Frauen nachts nicht in die Augen sehe. Bewusst meinen Blick auf den Boden oder meterweit weg lenke, wenn sie auf mich zukommen. Laufe ich hinter ihnen, versuche ich sie entweder zu überholen, absichtlich zu warten um etwas Abstand zu bekommen oder langsamer zu werden. Bin ich in einem Park nehme ich schon mal eine andere Route, sind es fünf Frauen sind mir dieser ganze Affentanz auch zu albern.

A. meint, das sei gut. Ich würde die Zustände anerkennen, an denen ich momentan nichts ändern kann und es Frauen nicht schwer machen als ohnehin. Ich finde es pervers, weil die Welt doch nicht so böse sein kann, dass ich als Zwanzigjähriger mit schwarzem Trenchcoat bei schlechten Lichtverhältnissen und Blickkontakt als Vergewaltiger gelten könnte. (Oder?)

Eine Feministin als Freundin zu haben ist anstrengend wie lehrreich. Meistens überwiegt das eine.

Das blaue Haus

Sonntag, März 14th, 2010

Als sie kommt hängen ihr die Rastalocken fast bis zur Hüfte. Es ist die gute alte Tradition, bei der sich verflossene Liebschaften meinerseits nach dem Bruch eine potthässliche Frisur zulegen. Ich lasse sie herein, wir trinken importiertes Kölsch, sie erzählt mir von dem Abend, an dem sie sich abschießen wollte, weil Stress mit ihrem Freund ins Haus stand. Das Opfer war damals ich.

Plötzlich wird mir klar, warum sie den kleinen nächtlichen Wutanfall im Bett hatte und sich monatelang nicht meldete. Nach der Erkenntnis ist es nur noch belangloser Smalltalk. Sie nimmt entweder den Bus oder möchte von mir nach Hause gebracht werden, ich tue ihr den Gefallen. Das erste Mal nach zehn gemeinsamen Abenden erfahre ich ihren Nachnamen, weiß, wo sie wohnt und sehe ihr Zimmer. Lieblose Einrichtung, die sie bis auf die Bücherregale komplett dem Sperrmüll zuführen wird, wenn sie im Sommer zum Studieren nach Göttigen zieht.

Ich wünsche ihr viel Glück und überlege am nächsten Tag, ob ich ihr eine SMS schreiben sollte, nur um zu betonen, dass der Wunsch von Herzen kam.

Booty call

Donnerstag, März 11th, 2010

Pantoffelhelden liegen um vierundzwanzig Uhr im Bett, Tigerbalsam großräumig auf der Brust verteilt. Das Hesse-Buch bereits zugeklappt, den Wecker auf optimistische Zeit gestellt.

Seit der Mitbewohner in Krakau ist verläuft es oft so. Als Sonntag um Mitternacht das Handy vibriert überlege ich noch, ob die Nachricht es wert ist, aus dieser bequemen Position herauskommen. Kurz darauf chatte ich mit A., die sich wundert, ob ich noch online bin. Sie schrieb mich vor zwei Tagen online an, wir hatten zwei, drei Nachrichten gewechselt. Jetzt hat sie Diskussionsbedarf und ich Langeweile. Irgendwann wechselt das Gespräch vom Telefon auf den Computer, von politischen Themen zu Kleidungsbeschreibung. Die Idee, sich spontan am Hackeschen Markt zu treffen wird wegen des Nachtverkehrs verworfen, sie fragt, ob ich zu ihr kommen möchte.

Ich stelle mir bereits die drei russische Typen vor, die mich gleich zur Zwangsarbeit in kalte Gebiete dieser Welt verschleppen werden, mache mich aber trotzdem fertig und lege Comme des Garcons auf. Mit dem Fahrrad fahre ich nach Neukölln, wo sie mich im zweiten Stock mit Balkon zum seelenruhigen Friedhof empfängt. Wir reden ermüdende zwei Stunden über weltverändernde Politik bis sie fragt, ob Körperkontakt okay ist und sich auf meinen Schoß legt. Wir landen im Bett, wo meine Fingernägel mit Genuss über ihre Haut fahren und sich tiefer hineindrücken, bis sie den Schmerz spürt. Als wir nach Sonnenaufgang schlafen gehen weiß sie von der Abtreibung, hat meine Panik um platzende Kondome miterlebt, ist drei mal gekommen. Für mich sind Euphorie und Angst zusammen kein Treibmittel, wenn es um Sex geht.