Archive for the ‘Allgemein’ Category

Das blaue Haus

Sonntag, März 14th, 2010

Als sie kommt hängen ihr die Rastalocken fast bis zur Hüfte. Es ist die gute alte Tradition, bei der sich verflossene Liebschaften meinerseits nach dem Bruch eine potthässliche Frisur zulegen. Ich lasse sie herein, wir trinken importiertes Kölsch, sie erzählt mir von dem Abend, an dem sie sich abschießen wollte, weil Stress mit ihrem Freund ins Haus stand. Das Opfer war damals ich.

Plötzlich wird mir klar, warum sie den kleinen nächtlichen Wutanfall im Bett hatte und sich monatelang nicht meldete. Nach der Erkenntnis ist es nur noch belangloser Smalltalk. Sie nimmt entweder den Bus oder möchte von mir nach Hause gebracht werden, ich tue ihr den Gefallen. Das erste Mal nach zehn gemeinsamen Abenden erfahre ich ihren Nachnamen, weiß, wo sie wohnt und sehe ihr Zimmer. Lieblose Einrichtung, die sie bis auf die Bücherregale komplett dem Sperrmüll zuführen wird, wenn sie im Sommer zum Studieren nach Göttigen zieht.

Ich wünsche ihr viel Glück und überlege am nächsten Tag, ob ich ihr eine SMS schreiben sollte, nur um zu betonen, dass der Wunsch von Herzen kam.

Booty call

Donnerstag, März 11th, 2010

Pantoffelhelden liegen um vierundzwanzig Uhr im Bett, Tigerbalsam großräumig auf der Brust verteilt. Das Hesse-Buch bereits zugeklappt, den Wecker auf optimistische Zeit gestellt.

Seit der Mitbewohner in Krakau ist verläuft es oft so. Als Sonntag um Mitternacht das Handy vibriert überlege ich noch, ob die Nachricht es wert ist, aus dieser bequemen Position herauskommen. Kurz darauf chatte ich mit A., die sich wundert, ob ich noch online bin. Sie schrieb mich vor zwei Tagen online an, wir hatten zwei, drei Nachrichten gewechselt. Jetzt hat sie Diskussionsbedarf und ich Langeweile. Irgendwann wechselt das Gespräch vom Telefon auf den Computer, von politischen Themen zu Kleidungsbeschreibung. Die Idee, sich spontan am Hackeschen Markt zu treffen wird wegen des Nachtverkehrs verworfen, sie fragt, ob ich zu ihr kommen möchte.

Ich stelle mir bereits die drei russische Typen vor, die mich gleich zur Zwangsarbeit in kalte Gebiete dieser Welt verschleppen werden, mache mich aber trotzdem fertig und lege Comme des Garcons auf. Mit dem Fahrrad fahre ich nach Neukölln, wo sie mich im zweiten Stock mit Balkon zum seelenruhigen Friedhof empfängt. Wir reden ermüdende zwei Stunden über weltverändernde Politik bis sie fragt, ob Körperkontakt okay ist und sich auf meinen Schoß legt. Wir landen im Bett, wo meine Fingernägel mit Genuss über ihre Haut fahren und sich tiefer hineindrücken, bis sie den Schmerz spürt. Als wir nach Sonnenaufgang schlafen gehen weiß sie von der Abtreibung, hat meine Panik um platzende Kondome miterlebt, ist drei mal gekommen. Für mich sind Euphorie und Angst zusammen kein Treibmittel, wenn es um Sex geht.

Zweitausendzehn

Mittwoch, Dezember 30th, 2009

Wird schon, wird schön. Mit noch mehr Schulden auf dem Konto, mit Pannen, mit Dreien auf dem Zeugnis, auf dem eigentlich nur Einsen stehen sollten. Vielleicht lese ich endlich mal wieder mehr Bücher, vielleicht nehme ich auch einfach nur mehr Drogen. Die richtige Frau, tausend falsche. Vielleicht mal eine Rothaarige.

Hate the game, not the player. Zweitausendzehn.

Weihnachten

Freitag, Dezember 18th, 2009

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Punkte sammeln

Freitag, Dezember 11th, 2009

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Der schwule Freund eines schwulen Freundes unserer WG hat uns eine feindselige Stimmung unterstellt und möchte nicht mehr zu uns kommen. Der Mitbewohner und ich lachen laut los, auf dem gestrigen Heimweg haben wir uns drei mal fast geprügelt, er ist mit seiner weißen Wolljacke mehrmals im Gebüsch gelandet. Im Bonusmaterial von “Ein Freund von mir” erklärt der Regisseur, Sebastian Schipper, den männlichen Regulierungsmechanismus, mit dem es der er und ich weit gebracht haben. Wir nehmen uns so lange alltäglich auf die Schippe, bis der andere nicht wie normalerweise und unvorhersehbar darauf reagiert. Und dann stimmt wirklich etwas nicht.

“Ich glaube, H. ist der Mensch, mit dem ich mich am wenigsten von allen streite.” sagt er, was uns dann eine halbe Stunde darüber debattieren lässt, ob wir uns überhaupt jemals gestritten haben. Wäre man ein Sims, der gestrige Abend hätte Karmapunkte gegeben.

Sei dreist.

Mittwoch, Dezember 9th, 2009

Der Knutschfleck von L. war noch gut zu sehen. Sie hatte am Samstag angerufen, war in der Nähe spazieren und einkaufen und kam danach bei uns vorbei. Viele Sternburg, eine Privatparty und mehrere Stunden Bemühung meinerseits liegt ihr Kopf in meinem Schoß und sie sagt, sie möchte nach Hause. Ich frage sie, ob wir erst noch ein paar Bier holen sollen und dann hemmungslos rummachen oder ob wir gleich zu mir gehen. Wir laufen noch am Spätkauf vorbei.

Dienstag steht F. vor der Tür. Die Mitbewohner sind nicht da, sie wartet bereits seit zehn Minuten auf den nassen, kalten Stufen. Wir gehen herein, schauen Hitchcocks Vertigo, trinken die Flasche Weißwein leer, essen Zartbitterschokolade und legen uns schlafen. Geschlafen hat sie bereits öfter neben mir, diesmal hole ich keine zweite Decke, frage sie, ob sie kuscheln möchte, küsse sie, als sie aus dem Bad zurückkommt.

“Sei dreist” hat mein Mitbewohner immer zu mir gesagt, wenn ich angefangen habe rumzuheulen. L. ist eine der schönsten Frauen, die ich jemals getroffen habe. F. küsst mit so viel Zunge, dass ich sie gerne wieder aus dem Bett gestoßen hätte. Momentan ist er derjenige, der neidisch ist.

Bahnhofsklo

Sonntag, November 22nd, 2009

Nicht durch die Nase. Das wäre, als würde man sich mit all den immatrikulierten Nichtstudenten, den bis in die Afterhour feiernden Druffies auf eine Stufe stellen und mit ihnen um zehn Uhr morgens vor das Frankfurter Tor kotzen. Durch die Nase ziehen macht hemmungs- und anspruchslos, gibt dir den Partykick nicht mehr ohne Drogen, versaut nicht zuletzt den Sonntag mit Appetitlosigkeit und Draufsein. Alles Klischees, die mich trotz allem bisher vor schlimmerem bewahrt haben.

“Wir gehen auf die Toilette. Willst du mitkommen?” “Kann man das Zeug auch schlucken?” “Komm mit.”

In das Klo im Tacheles passen mit Mühe und Not fünf Leute, es stinkt erbärmlich, in Zigarettenpapier gewickeltes Pulver kann am Gaumen kleben bleiben und vorsichtige Dosierung bringt bei meinem Körpergewicht absolut nichts. Die zweite Portion wird im Club geschluckt und lässt mich bis Acht Uhr durchtanzen. Alkohol ist nebensächlich, das Ego riesengroß, die Musik einfach unglaublich angenehm. Das Brötchen auf dem Weg bleibt mir zwar im Halse stecken, trotzdem kann ich zuhause als einziger richtig einschlafen.

Hier fallen gerade sämtliche Hemmschwellen. Spätestens wenn F. wieder bei mir schläft werde ich ihr erst etwas von dem Zeug anbieten. Und dann fragen, ob da endlich mal etwas läuft.

Negativ

Donnerstag, November 12th, 2009

In den Pausen zwischen den Schulstunden machte ich mir Gedanken, wie es wohl wäre, HIV positiv zu sein. Vor dem Einschlafen, was ich noch machen wollen würde. Beim lernen, wie die Australierin reagieren würde (“Is HIV really such a big topic here in europe?”), was aus meiner beruflichen Zukunft werden würde, ob ich langsam und qualvoll sterben wollen würde.

Es wäre zu absurd gewesen, wenn ich mir nach diesem Desaster auch noch HIV eingefangen hätte. Doch die Angst frisst das Hirn auf, möglich wäre es ja, und meine Zurückhaltung in den letzten Wochen endete in den schlimmsten Stunden meines Lebens auf dem Gesundheitsamt Kreuzberg.

Das alles löst sich innerhalb von Sekunden auf, zum Glück. Danach kommt nur noch das Versprechen, es in den nächsten Wochen möglichst wild zu treiben. Ein letzter Versuch bei L., ein Party-Wochenende mit F., keine beruflichen Termine mehr am Wochenende. Rücksicht nehmen war gestern, ich will jetzt Spaß haben, die nächste Chance suchen, um mein Leben zu zerstören.

Bis du verheiratet bist…

Montag, November 2nd, 2009

Die Zeitspanne, bis dir wieder das Genick bricht. Der Moment, an dem es nicht mehr zusammenwächst. Die Abstände verringern sich, schlaflose Nächte folgen. Man überlegt sich Themen, die einen sofort ablenken und denkt trotzdem stundenlang darüber nach.

Diesen Donnerstag ist es wieder so weit, der Rat der Götter tritt zusammen und entscheidet über mein Leben. Cross yor fingers, mit Schicksal hat das eh nichts mehr zu tun.

Sparmaßnahmen

Samstag, Oktober 31st, 2009

Bereits in der zweiten Woche in Folge gibt mein Portemonnaie nur noch zehn Euro her. Die Kreditkarte ist ausgereizt, das Dispo sowieso. Meine Eltern höre ich nur noch darüber jammern, wie viel sie meiner Schwester beisteuern müssen, an welchen Stellen sie selbst überall sparen müssen. Also bin ich derjenige, der bei Plus vor dir für unter drei Euro einkauft und mit EC-Karte bezahlt, weil das die Summe ist, die das Dispo noch hergibt. Der, der sich auf dem Mauerpark-Flohmarkt nicht mal eine Görlitzer Wurst kauft, weil zuhause noch zwei Scheiben Brot im Schrank sind.

Irgendwann in den nächsten Wochen sind die Babysittingeltern wieder da. Und spätestens nach dem Gehaltseingang in der Mitte des Monats gehe ich zu Perfetto, kaufe mir Penne von De Cecco, ein wenig italienische Salami, brate die in der Pfanne an, fülle das dann mit Tomatenmark und Wasser auf und reibe Massen von Parmesan darüber. Einkaufen und kochen. Darauf freue ich mich schon seit Wochen.