Weihnachten
Dezember 18th, 2009


Der schwule Freund eines schwulen Freundes unserer WG hat uns eine feindselige Stimmung unterstellt und möchte nicht mehr zu uns kommen. Der Mitbewohner und ich lachen laut los, auf dem gestrigen Heimweg haben wir uns drei mal fast geprügelt, er ist mit seiner weißen Wolljacke mehrmals im Gebüsch gelandet. Im Bonusmaterial von “Ein Freund von mir” erklärt der Regisseur, Sebastian Schipper, den männlichen Regulierungsmechanismus, mit dem es der er und ich weit gebracht haben. Wir nehmen uns so lange alltäglich auf die Schippe, bis der andere nicht wie normalerweise und unvorhersehbar darauf reagiert. Und dann stimmt wirklich etwas nicht.
“Ich glaube, H. ist der Mensch, mit dem ich mich am wenigsten von allen streite.” sagt er, was uns dann eine halbe Stunde darüber debattieren lässt, ob wir uns überhaupt jemals gestritten haben. Wäre man ein Sims, der gestrige Abend hätte Karmapunkte gegeben.
Der Knutschfleck von L. war noch gut zu sehen. Sie hatte am Samstag angerufen, war in der Nähe spazieren und einkaufen und kam danach bei uns vorbei. Viele Sternburg, eine Privatparty und mehrere Stunden Bemühung meinerseits liegt ihr Kopf in meinem Schoß und sie sagt, sie möchte nach Hause. Ich frage sie, ob wir erst noch ein paar Bier holen sollen und dann hemmungslos rummachen oder ob wir gleich zu mir gehen. Wir laufen noch am Spätkauf vorbei.
Dienstag steht F. vor der Tür. Die Mitbewohner sind nicht da, sie wartet bereits seit zehn Minuten auf den nassen, kalten Stufen. Wir gehen herein, schauen Hitchcocks Vertigo, trinken die Flasche Weißwein leer, essen Zartbitterschokolade und legen uns schlafen. Geschlafen hat sie bereits öfter neben mir, diesmal hole ich keine zweite Decke, frage sie, ob sie kuscheln möchte, küsse sie, als sie aus dem Bad zurückkommt.
“Sei dreist” hat mein Mitbewohner immer zu mir gesagt, wenn ich angefangen habe rumzuheulen. L. ist eine der schönsten Frauen, die ich jemals getroffen habe. F. küsst mit so viel Zunge, dass ich sie gerne wieder aus dem Bett gestoßen hätte. Momentan ist er derjenige, der neidisch ist.
Nicht durch die Nase. Das wäre, als würde man sich mit all den immatrikulierten Nichtstudenten, den bis in die Afterhour feiernden Druffies auf eine Stufe stellen und mit ihnen um zehn Uhr morgens vor das Frankfurter Tor kotzen. Durch die Nase ziehen macht hemmungs- und anspruchslos, gibt dir den Partykick nicht mehr ohne Drogen, versaut nicht zuletzt den Sonntag mit Appetitlosigkeit und Draufsein. Alles Klischees, die mich trotz allem bisher vor schlimmerem bewahrt haben.
“Wir gehen auf die Toilette. Willst du mitkommen?” “Kann man das Zeug auch schlucken?” “Komm mit.”
In das Klo im Tacheles passen mit Mühe und Not fünf Leute, es stinkt erbärmlich, in Zigarettenpapier gewickeltes Pulver kann am Gaumen kleben bleiben und vorsichtige Dosierung bringt bei meinem Körpergewicht absolut nichts. Die zweite Portion wird im Club geschluckt und lässt mich bis Acht Uhr durchtanzen. Alkohol ist nebensächlich, das Ego riesengroß, die Musik einfach unglaublich angenehm. Das Brötchen auf dem Weg bleibt mir zwar im Halse stecken, trotzdem kann ich zuhause als einziger richtig einschlafen.
Hier fallen gerade sämtliche Hemmschwellen. Spätestens wenn F. wieder bei mir schläft werde ich ihr erst etwas von dem Zeug anbieten. Und dann fragen, ob da endlich mal etwas läuft.
In den Pausen zwischen den Schulstunden machte ich mir Gedanken, wie es wohl wäre, HIV positiv zu sein. Vor dem Einschlafen, was ich noch machen wollen würde. Beim lernen, wie die Australierin reagieren würde (“Is HIV really such a big topic here in europe?”), was aus meiner beruflichen Zukunft werden würde, ob ich langsam und qualvoll sterben wollen würde.
Es wäre zu absurd gewesen, wenn ich mir nach diesem Desaster auch noch HIV eingefangen hätte. Doch die Angst frisst das Hirn auf, möglich wäre es ja, und meine Zurückhaltung in den letzten Wochen endete in den schlimmsten Stunden meines Lebens auf dem Gesundheitsamt Kreuzberg.
Das alles löst sich innerhalb von Sekunden auf, zum Glück. Danach kommt nur noch das Versprechen, es in den nächsten Wochen möglichst wild zu treiben. Ein letzter Versuch bei L., ein Party-Wochenende mit F., keine beruflichen Termine mehr am Wochenende. Rücksicht nehmen war gestern, ich will jetzt Spaß haben, die nächste Chance suchen, um mein Leben zu zerstören.
Die Zeitspanne, bis dir wieder das Genick bricht. Der Moment, an dem es nicht mehr zusammenwächst. Die Abstände verringern sich, schlaflose Nächte folgen. Man überlegt sich Themen, die einen sofort ablenken und denkt trotzdem stundenlang darüber nach.
Diesen Donnerstag ist es wieder so weit, der Rat der Götter tritt zusammen und entscheidet über mein Leben. Cross yor fingers, mit Schicksal hat das eh nichts mehr zu tun.
Bereits in der zweiten Woche in Folge gibt mein Portemonnaie nur noch zehn Euro her. Die Kreditkarte ist ausgereizt, das Dispo sowieso. Meine Eltern höre ich nur noch darüber jammern, wie viel sie meiner Schwester beisteuern müssen, an welchen Stellen sie selbst überall sparen müssen. Also bin ich derjenige, der bei Plus vor dir für unter drei Euro einkauft und mit EC-Karte bezahlt, weil das die Summe ist, die das Dispo noch hergibt. Der, der sich auf dem Mauerpark-Flohmarkt nicht mal eine Görlitzer Wurst kauft, weil zuhause noch zwei Scheiben Brot im Schrank sind.
Irgendwann in den nächsten Wochen sind die Babysittingeltern wieder da. Und spätestens nach dem Gehaltseingang in der Mitte des Monats gehe ich zu Perfetto, kaufe mir Penne von De Cecco, ein wenig italienische Salami, brate die in der Pfanne an, fülle das dann mit Tomatenmark und Wasser auf und reibe Massen von Parmesan darüber. Einkaufen und kochen. Darauf freue ich mich schon seit Wochen.
Selbst leicht angetrunken Frauen auf Datingwebsites schreiben scheint genauso gut zu funktionieren wie ihnen nüchtern nicht zu schreiben.
Bevor wir vom Spätkauf zurückkommen unterhalten wir uns über die süße Tiermedizinstudentin, darüber, was sie vorhin von ihren vergangenen Sexorgien erzählt hat. Als wir wieder oben auf der Party sind beendet sie gerade das Telefonat mit ihrem Freund. Wir lachen beide laut los, weil nun wohl jeder Versuch aussichtslos ist.
Um sechs Uhr läuft How I Met Your Mother im Fernsehen, mir fallen fast die Augen zu. Nach einer kurzen Umarmung zur Verabschiedung zieht sie mich wieder zurück aufs Sofa, rückt nahe an mich heran, legt ihre Füße auf meinen Schoß, streichelt mich. Ich beuge mich über sie, sie legt ihren Finger auf meinen Mund. “Jetzt nicht.”
Zwischendurch kann ich vor Aufregung kaum ihre Oberschenkel streicheln, mein Bein zittert aus Freude. Der zweite Versuch hat kurzfristig Erfolg, doch dann zuckt sie zurück, sagt “nicht so schnell”. Noch eine Weile kämpfen Adrenalin und Müdigkeit in mir, dann frage ich sie, ob sie schlafen möchte. Im Bett liegt sie von mir weggedreht, ich lege von hinten meinen Arm auf sie und schlafe sofort ein.
Vier Stunden später steht sie vor meinem Bett, verabschiedet sich von mir. Ich bin verdutzt, umarme sie, kann nicht mehr einschlafen.
“Weißt du eigentlich, dass das der erste Abend ist, an dem wir alle rumgemacht haben?” sagt der Mitbewohner später. (Und das liegt alles nur an der neuen Frisur.)
Es war eine dieser Nächte, von denen ich sonst immer nur gehört hatte. Eine, bei der am Ende alle miteinander herumknutschen. Eine, bei der endlich auch ich mal alle Ängste fallen lassen könnte.
Drei Flaschen billigster Rum samt Cola, zwei hübsche Frauen, drei Männer und ich. Mit Trinkspielen läuft alles auf den Abbau von Hemmungen hinaus. Zuerst wird geküsst, dann ‘rumgemacht’, wobei quotenmäßig immer zwei entweder ihre bisexuelle Ader entdecken oder die Zähne zusammenbeißen müssen.
Der vierte geht, wir sind noch zu dritt. Alles läuft darauf hinaus, dass ich eine von beiden küsse. Die gefärbte Rothaarige links von mir steht auf den Typen daneben, die Blonde rechts hat einen festen Freund und dazu noch kurz vorher mit ihrem besten Freund rumgeknutscht.
Ich lehne ab. Mehrmals. Versuche zu gehen, bin beim zweiten Versuch auch erfolgreich und spüle mir nach dem Besuch beim Spätkauf den Frust mit Alkohol herunter.
Es ist irgendwas zwischen dem Gefühl, das hässliche Entlein zu sein und dem Willen, nicht zweite Geige spielen zu müssen. Den Ehrgeiz zu besitzen, von einer schönen Frau als erste Wahl wahrgenommen zu werden und die Eitelkeit, dass man mich hoffentlich nicht schön oder sich selber hemmungslos trinken muss, um mit mir Lippenkontakt zu haben.
Ich fahre zurück, trinke noch zwei Bier. Die andern beiden kamen gar nicht mehr nach Hause.